Zum traditionellen Datum, am 08.03., wird es auf dem Marktplatz von Pirna um 14:00 Uhr eine Kundgebung und ein Livekonzert geben. Gemeinsam wollen wir ein Zeichen setzen für Gleichberechtigung, Vielfalt und Solidarität.
Was sind gute Gründe für einen feministischen Kampftag 2026?
Der geringe Anteil von Frauen in politischen Gremien
Im Deutschen Bundestag sind Frauen zu 32,4% vertreten. Dabei gibt es deutliche Fraktionsunterschiede. Während in unserer Partei der Anteil der Frauen ca. 60% beträgt, sind es bei der AfD nur 12%. Von dort kommen aber die meisten diskriminierenden Äußerungen, sobald eine Frau am Rednerpult steht. Dieser Befund setzt sich fort. Im Sächsischen Landtag beträgt der Frauenanteil 26,6%, im Stadtrat von Pirna 19,2%. Nur 13,5% der Bürgermeister*innen im ganzen Land sind Frauen. Oft sitzen ihnen nur männliche Ratsmitglieder gegenüber.
Nun man könnte naiv fragen, warum das so ist? Wer in die Politik geht, braucht Zeit und ein „dickes Fell“. Zeit ist bei Frauen ein rares Gut. Frauen verbringen im Schnitt fast neun Stunden am Tag mit Sorgearbeit, Männer drei.
Und was das dicke Fell angeht, so können alle Frauen in der Politik, einschließlich unserer Stadträtinnen, ein Lied von unqualifizierten und abwertenden Zwischenrufen singen. Von den üblen Kommentaren in den sogenannten Sozialen Medien ganz abgesehen
Der geringe Anteil von Frauen in den Chefetagen der großen Wirtschaftsunternehmen
Anfang 2026 liegt der Anteil von Frauen in den Vorständen der 40 DAX-Unternehmen bei 25,5% und ist damit rückläufig. Bei Neurekrutierungen von Führungskräften setzen Männer häufig auf traditionelle Muster, was bedeutet, dass sie jüngere Kopien ihrer selbst bevorzugen. Damit liegt Deutschland deutlich hinter anderen führenden Industrienationen in diesem Bereich.
Die Lücke in der Bezahlung (Gender Pay Gap)
Auch hier liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf einem der hinteren Plätze. Frauen verdienten 2025 im Durchschnitt 16% weniger pro Stunde als Männer.

„Bereinigt“, also wenn Teilzeitbeschäftigungen, Unterbrechungen der Berufstätigkeit durch unbezahlte Sorgearbeit und die geringe Präsenz von Frauen in Führungspositionen weggelassen werden, beträgt die Lücke immerhin noch 6%. Interessant ist hier der gewachsene Unterschied im Westen (17%) und Osten (5%). Die Kinderbetreuung ist im Osten Deutschlands noch immer besser ausgebaut als im Westen, und es gibt durch Mütter und Großmütter mehr Rollenvorbilder für junge Frauen
Femizide
Das ist eines der dunkelsten Kapitel in patriarchalen Strukturen und ein dringender Grund für eine gesellschaftliche Kampfansage. Ein Femizid ist ein Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. 938 versuchte Femizide wurden 2023 in Deutschland erfasst, 360 davon endeten tödlich. Das bedeutet, dass fast jeden Tag in Deutschland eine Frau, meist von ihrem (Ex)-Partner, ermordet wird. Dazu kommt, dass Hilfesysteme für von Gewalt betroffene Frauen oft unterfinanziert sind und zusätzlichen Belastungen nicht gerecht werden.
Und wenn ein Redner wie Vosgerau in Pirna vom Pult her mit Inbrunst verkündet, dass „der Bürger“ gar nicht der Menschenwürde verpflichtet sei, so hat das zwei Stoßrichtungen. Die eine zeigt auf, dass das GG in erster Linie das Handeln des Staates bestimmt. Die andere behauptet, dass die Bürger*innen des Staates sich an die dort niedergeschriebenen Werte nicht halten müssen. Alles darf auch in sein Gegenteil verkehrt werden. Welch eine Perversion der Intensionen der Mütter und Väter unseres Grundgesetzes.
Frauengesundheit
Ein letzter Punkt unter vielen, die noch zu nennen wären, ist die Gesundheit von Frauen. Wenn es sich nicht um reine frauenspezifische Indikationen handelt, wie z. B. Brustkrebs, werden Frauen schon in der Forschung zu wenig beachtet. Medikamente werden oft an männlichen Personen getestet, der Frauenkörper hat dann mit der Dosis irgendwie zurechtzukommen. Bei großen Reformprojekten sitzen zu wenige Frauen in den Kommissionen, von Geburtshelferinnen ganz zu schweigen.
Und beim § 218 fällt es schwer, die Fassung zu bewahren. 80% der Menschen in Deutschland haben sich für seine Streichung aus dem Strafgesetzbuch ausgesprochen. Aber offensichtlich sind wir kein Land, dem die Selbstbestimmung von Frauen wichtig ist und einige wenige Männer (und Frauen) oktroyieren der Mehrheit ihre Meinung auf. Mandy Mangler, Ärztliche Direktorin und Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe an zwei Kliniken in Berlin dazu: „Und alle wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin: Je mehr Frauengesundheit es gibt, desto zivilisierter und demokratischer ist ein Land.“
Was tun? Strategien gegen (post)patriarchale Muster
Netzwerke bilden
Wir brauchen Frauenräume der physischen Begegnung, nicht nur im digitalen Raum. Das sind Räume, die von weiblicher Autorität geprägt, in denen vor allem Anliegen und Wünsche von Frauen auf die Agenda gesetzt werden. Im FaM haben wir in Pirna so ein Netzwerk aufgebaut. In politischen und beruflichen Kontexten bedarf es weiblicher Solidarität und gegenseitiger Förderung, aber auch der Zusammenarbeit mit klugen Männern, die keine Angst vor selbstbewussten Frauen haben.
Pluralität feiern
Wir sind verschieden, und das ist gut so. Egal, ob eine Vorständin ist oder beim Kuchen backen kreativ sein will, das ist alles möglich. Die Welt geht auch nicht unter, wenn einige Tradwives auf Tiktok ihr häusliches Leben promoten. Problematisch ist nicht die Häuslichkeit, sondern die Nähe zu rechtsextremen Narrativen.
Feminismus ist keine einheitliche Bewegung. Sie lässt jedoch nicht zu, Frauen wieder in die Unsichtbarkeit und Unselbstständigkeit zu drängen.
Sich einmischen
Frauen, die sich laut einmischen, sollten wir feiern. So, wie Christina, die am Ende der Feierstunde am 27.01. nach vorn trat, um die Janusköpfigkeit des Stadtoberhauptes laut zu entlarven. Noch immer erfordert so ein Statement viel Mut. Laut sein, auch laut lachen, wenn uns danach ist, bedeutet Selbstermächtigung. Und laut lachen musste ich mehrfach, als ich mir die Rede von Vosgerau bei den alternativen Stadtgesprächen auf YouTube ansah. So viel Paragraphengeprassel, nur um zu beweisen, wie der böse Staat seine Bürger knechtet. Da muss man schon hohen missionarischen Eifer haben.
Bärbel Falke
