Angst vor Mensch sein

Die AfD-Stadtratsfraktion hat in ihrer Homepage vom 9. Juli 2026 eine Stellungnahme (zuletzt überprüft 14.07.26, 20.30 Uhr) öffentlich gemacht. „….. sehen wir von einer Teilnahme an der Veranstaltung am 13. August ….. in der Stadtkirche St. Marien [Pirna] ab.“ Sie reagierte damit auf eine entsprechende Einladung der Kirchgemeinde. Um den Sanierungsfortschritt am über der historischen Altstadt thronenden Turm der ehrwürdigen Kirche aufzuzeigen, hatte die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Pirna eingeladen. Oberbürgermeister und alle Ratsmitglieder mögen sich zu einem Besichtigungstermin auf der Baustelle einfinden.

Weiter die AfD: Man erkenne zwar die historische und kulturelle – zu ergänzen ist die touristische – Bedeutung der Marienkirche für die Stadt ausdrücklich an. Der Erhalt dieses Bauwerks sei auch für die AfD zweifellos ein Anliegen, das viele Bürger verbindet, bestätigt man geflissentlich. Aber da liegt der Hase im Pfeffer. „Viele“ sind nicht gleich „alle“. Davon sollte man eigentlich ausgehen, wenn man von Pirna, der Perle an der Elbe und dem Tor zur Sächsischen Schweiz spricht. Schließlich gehört der Kirchturm zentral in das Ensemble des weltberühmten Canaletto-Blicks über den Marktplatz hinweg.

Wenn die AfD-Fraktion freiwillig auf eine Teilnahme verzichtet, könnte einem das eigentlich als Mitglied der Kirche egal sein. Würden in der Stellungnahme und dem begleitenden Post („Jetzt ist es plötzlich unser Kirchturm“, Pirna.Kommentiert, Facebook-Account des örtlichen AfD-Influencers) nicht Forderungen für die Zukunft auftauchen, die in Teilen grenzüberschreitend wären. Davon wäre dann auch die Zivilgesellschaft in Pirna betroffen und muss sich nun engagieren.

Kirchen-Vertreter vermeintlich nicht respektvoll genug

Der vordergründige Tenor in der AfD-Stellungnahme ist: Wir sind beleidigt. Wieder einmal werden dem Kirchenvorstand von St. Marien Pirna in dem offenen Brief vage „politische Positionen“ unterstellt. Angeblich „grenzen sie unsere Partei und unsere Wähler pauschal aus oder bringen sie in Misskredit“ (Zitat aus der Stellungnahme). Wieder einmal muss für die Absage „die belehrende Reklamebotschaft am selbigen [Turm]“ herhalten, über die ein „kleiner grüner Stuhlkreis im Kirchenvorstand“ entschieden hat (Zitate aus „Jetzt ist es plötzlich unser Kirchturm“, Pirna.Kommentiert).

„Frieden wagen“, „Nächstenliebe zeigen“ [und praktizieren, eigene Ergänzung], „Würde achten“, „Vielfalt leben“, sind vier Botschaften am Turm. Grenzen sie allen Ernstes Menschen aus, die am 09.06.2024, mehr oder weniger überzeugt, ein Kreuz bei der AfD gemacht haben? Am Turm ist nur das erinnernd plakatiert worden, was selbst die AfD-Fraktion in ihrer Stellungnahme auch fordert: Würde achten. Das meint doch wohl „respektvoll sein, gegenseitige Achtung“ aufbringen (zitiert aus Stellungnahme). Oder ist die Quintessenz des Plakattextes der eigentliche Stein des Anstoßes? „Mensch sein“ ist angeblich für bestimmte Pirnaer Bürger*innen eine ausgrenzende, diskreditierende Botschaft!?? Man könnte meinen, dass die Schreiber*in der Stellungnahme im AfD-Büro zu kurz nachgedacht habe.

Dieses Plakat mit den 5 Spiegelstrichen ist nicht das individuelle Bekenntnis der Menschen aus dem Kirchenvorstand. Im oberen Teil wird mit dem Regenbogen ein bis heute „bedeutendes Bild der christlichen / jüdischen Ikonografie“ gezeigt. Den Menschen ist laut der Schöpfungsgeschichte mit dem Regenbogen das Zeichen des Bundes gegeben worden: „Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen.“ (Gen 9,12). In fast allen Religionen und Mythologien (zuletzt überprüft 14.07.26, 21 Uhr) weltweit „symbolisiert der Regenbogen mit seiner Farbenpracht die Verbindung zwischen Himmel und Erde“.

Der geschundene Jesus am Kreuz erinnert uns an unsere Schuld und ruft uns auf zur Übernahme von Verantwortung für Menschen als Menschen. Nächstenliebe müssen wir vor allem gegenüber den Verletzlichen in unserer Welt zeigen. Dabei ist zentral, dass der Mensch als von Gott geschaffene Kreatur unter seinen individuell unterschiedlichen Mitgeschöpfen gleich ist, mit gleicher Würde versehen.

Und diese Glaubenssache ist das, was die rechtsextremen Ideolog*innen hassen wie der Teufel das Weihwasser. „Faschistische Systeme leben von der Idee der Ungleichheit“. Sie leiden „unter der ständigen Angst, dass andere die Gleichberechtigung erlangen könnten“ („In Deutschland könnte es richtig schlimm werden“, t-online, 14.07.2026, zuletzt geprüft 14.07.26, 20.30 Uhr).

Die Strategien aus dem rechten Denken (Abwertung und Spaltung) kommen auch in Pirna zum Zuge. Pirna. Kommentiert verunglimpft in der inhaltlichen Facebook-Vorlage für die AfD-Fraktion „den Regenbogenturm“. Mit besonderer Wortwahl verspottet er die Superintendentin in St. Marien Pirna, B. Lammert, mit ihrer Aussage: „Wir sind stolz auf diese Kirche, das ist unser Projekt“. Also der Arbeitsauftrag der Kirche. Pirna. Kommentiert mutmaßt, dass „nicht wenige diese anmaßenden Sätze in einen gewaltigen Zwiespalt treiben werden“.

 

Nein, die AfD Pirna steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes

Die christliche Botschaft der Kirchgemeinde St. Marien Pirna interpretiert die AfD-Fraktion in ihrer Stellungnahme als „politische Position“. Und diese Position lehnt sie im Namen der AfD-Partei und deren Wähler*innen ab, weil sie sie ausgrenze und diskreditiere. D. h., die AfD-Fraktion bricht wieder einmal mit der Rechtsstaatlichkeit. Sie bringt öffentlich zum Ausdruck, dass sie das Fundament unseres Grundgesetzes ablehnt.

Art. 1 GG:

  • (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
  • (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
  • (3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt (also auch ein Kommunalparlament, eigene Ergänzung) und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

In dieser Offenheit ist es schon überraschend, was die AfD-Fraktion hier kundtut.

Gespräch auf gleicher Augenhöhe erfordert gleichen Wertekanon

Wenn man der Kirche vorhält, „Geld mit vollen Händen ins Mittelmeer zu werfen“ (Facebook-Post Pirna.Kommentiert), kann man kaum erwarten, in einen „respektvollen Dialog“ (Stellungnahme AfD-Fraktion) zu kommen. Denn in der Sache wird von der Kirche erwartet, die Schwächsten im Meer ertrinken zu lassen und sich keiner Schuld bewusst zu sein. Wenn man Anspielungen auf „weiland 33“ (Facebook-Post Pirna.Kommentiert) mit den heutigen Botschaften gleich setzt, dann wird es schwer, von „gegenseitiger Achtung“ (Stellungnahme AfD-Fraktion) auszugehen. Diesem unsinnigen Vorwurf haben wir schon in dieser Homepage mit einem Artikel vom 20.05.2024 widersprochen („Regenbogen am Kirchturm: Wer Flaggen sucht, wird Flaggen finden.„).

Was will die völlig unpassende Bemerkung innerhalb der Stellungnahme der AfD-Fraktion zum Termin der Veranstaltung an der Baustelle andeuten?  „13. August – übrigens ausgerechnet dem Tag des Mauerbaus“. Ist es wiederum der übliche Teil der AfD-Strategie, Geschichte für die eigene Ideologie umzudeuten, Handelnde zu verunglimpfen, Zweifel und damit Spaltung zu säen? Wer so vorgeht, kann doch nicht im Ernst Dialogbereitschaft für sich einfordern.

„Respektvoller Dialog“ muss ja mehr beinhalten, als sich freundlich, aufmerksam zuhörend zu verhalten. Aber mit AfD-Vertreter*innen, auch der Pirnaer Fraktion (s. kommunale Wärmeplanung), kann man ja nicht mal im Smalltalk über das Wetter sprechen. Geschweige denn über Gegenmaßnahmen bei mehr als 5.000 Toten, die die Hitze der letzten Wochen gefordert hat. Ich erinnere an die Begründung für die Veränderung der örtlichen Baumschutzsatzung: Freiheit für den persönlichen Umgang mit der Kettensäge. Weil die gemeinsam anerkannte Basis fehlt, beginnen und enden Einlassungen von AfD-Vertreter*innen in der Regel mit wüsten Beschimpfungen und Verunglimpfungen. Auf allen politischen Ebenen.

Ein „respektvolles Gespräch“ auf Augenhöhe erfordert einen gleichen Wertekanon. Dieser beruht auf der Rechtsstaatlichkeit (Einhalten gesetzlicher Bestimmungen), der Anerkennung der Menschenwürde (keine Klassen-Einteilungen, die mit Herabwürdigungen verbunden sind), dem Demokratie-Prinzip (keine Androhung von Gewalt gegenüber politischen Gegner*innen). Das Gutachten (zuletzt geprüft am 14.07.26, 21 Uhr), das unlängst über die Programmatik der AfD und Aussagen von AfD-Vertreter*innen in Deutschland veröffentlicht wurde, stellt gravierende Verstöße in diesen drei Feldern fest. Es gibt damit Anregungen, dem Gebot des Grundgesetzes zu folgen, einen Verbotsantrag an das Bundesverfassungsgericht zu prüfen und zu stellen. Dieses Gebot ist dann gegeben, wenn unsere Demokratie von innen zerstört werden soll. Parallel dazu ist auf europäischer Ebene ein Prüfungsverfahren (zuletzt überprüft 14.07.26, 23 Uhr) von der Mehrheit des EU-Parlaments beschlossen worden. Der Verdacht bestehe, dass die AfD-Parteifamilie im Parlament gegen den inhaltsgleichen Wertekanon innerhalb der EU verstoßen haben könnte.

Persönliches Fazit

„Wir wünschen uns zukünftig einen offenen und fairen Umgang kirchlicher Vertreter – auch und gerade aus Pirna“, lautet es abschließend in der Stellungnahme der AfD-Fraktion. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Seit wann sind Transparenz, Offenheit, Fairness Stilmittel in den Einlassungen der AfD? Ich bin sehr gespannt, wie hier ein Gespräch zukünftig geführt werden soll. Dieser Artikel verdeutlicht mehrperspektivisch, dass sich die Wertegrundlage der AfD-Vertreter*innen und der Mitglieder der ev.-luth. Kirchgemeinde St. Marien Pirna diametral gegenüber stehen. Nach allen veröffentlichten Umfragen steht die Mehrheit der Menschen in Deutschland hinter dem, was das Grundgesetz vorgibt und die christlichen Überzeugungen stützen. In sehr vielen Gesprächen, auch während des CSD am vergangenen Samstag, habe ich positive Rückmeldungen von Marktplatzbesucher*innen zum Plakat am Kirchturm erhalten. Vor allem von solchen Menschen, die in Pirna ihren Urlaub genießen wollten. Deshalb stifte ich 200 € für die Sanierung des Turms, inklusive eines Hakens, um das Plakat auch zukünftig sicher befestigen zu können. Vielleicht ist das ein weiterer Anstoß für das Crowdfunding.

Ich hoffe sehr, dass es für die Sanierung des Turms von St. Marien Pirna zu einer guten Lösung kommt. Ob man im Inneren zur Turmstube empor steigt oder von unten den Schall des Glockenspiels wahrnimmt, empfindet man ein majestätisches Gefühl. Dass am Baugerüst des Turms das Plakat hängt, sehe ich für unsere Zeit als bedeutungsvoll an.

 

Dieter Wiebusch

(Mitglied der ev.-luth. Kirche)

 

Hinweise:

Das Beitragsbild ist mein eigenes Foto.

In den Text sind Gedanken von Bischof Dr. Chr. Stäblein eingeflossen, die er im „EU-Calling: Migrationspolitik: Immer härter?“ (Viko am 09.07.2026) geäußert hat (zugesetzt geprüft am 14.07.26, 19 Uhr) – sehr sehenswert.