Der Marktplatz von Pirna an einem heißen Tag. Einheimische und Touristen meiden ihn. Wenn sie Zeit haben oder einfach verschnaufen wollen, setzen sie sich auf die Bänke am Rande im Schatten des Stadthauses. Die sind schnell besetzt.
Hitzeschutzplan
Wer nach einem Hitzeschutzplan der Stadt Pirna googelt, findet (individuelle) Empfehlungen zum Schutz vor Hitze und eine Karte der kühlen Orte in Pirna sowie das Hitzeschutzkonzept des Landkreises SOE.
Kühle Orte in der Innenstadt sind vor allem die Kirchen, öffentliche Toiletten und Trinkwasserstellen, die sich in Läden, im Rathaus und in Büros befinden. Der Grüne Laden in der Schlossstraße ist als Trinkwasserstelle gekennzeichnet. Wichtig zu wissen. Allerdings ist dieses Bürgerbüro nicht immer besetzt. Im Moment ist Sommerpause.
Wo befindet sich in der Stadt eine gut sichtbare Karte der Trinkwasserstellen? Wissen die Inhaber*innen der Geschäfte und Vereine darüber Bescheid, dass sie Trinkwasser für alle bereitstellen sollen? Gibt es in Pirna wie in anderen Städten Refill-Aufkleber, die gut sichtbar an der Hausfassade oder Schaufensterscheibe angebracht sind? Ist Pirna vorbereitet auf Hitzetage?
Best Practice Beispiele aus deutschen Städten
Die Innenstadt von Pirna ist versiegelt. Große Bäume, die Schatten spenden, sucht man hier vergebens. Interessant wären z. B. Konzepte einer Schwammstadt.

In unserem Programm zur Kommunalwahl 2024 haben wir den Umbau von Pirna zur Schwammstadt favorisiert. Solche Konzepte und ihre Umsetzung scheitern in Pirna am Denkmalschutz oder, was den Markt betrifft, am einmal im Jahr stattfindenden lebendigen Canalettobild. Dann muss alles so aussehen wie 1753.
Nun könnte man sich fragen, ob es noch zeitgemäß ist, dass eine Stadt, die im letzten Jahrhundert zweimal komplett voll Wasser gelaufen ist, weiter genauso aussehen muss wie Anfang der 1750iger Jahre. Im Stadtrat würde die meisten Damen und Herren das wohl mit „ja“ beantworten.
Aber selbst wenn man diese Antwort gibt, existieren viele Möglichkeiten, um solche Hitzeinseln wie den Markt und die zu ihm hin führenden Gassen abzukühlen. Andere Städte machen es vor: Das altehrwürdige Wittenberg mit einer ebenso versiegelten Altstadt hat sich beispielsweise für CityTrees entschieden. Das sind Holzelemente, die 3,6 m hoch und mit integrierten Mooselementen ausgestattet sind. Die CityTrees kühlen laut Herstellerangaben auf engstem Raum wie 81 neu gepflanzte Bäume. Man kann sie mit Sitzgelegenheiten umgeben.
Konstanz am Bodensee versucht es mit einer Wassernebeldusche, andere Orte mit einem begrünten Sonnensegel. Es gibt viele Best Practices Beispiele in deutschen Städten.
Es braucht den Willen des Rates, die Stadt ernsthaft an die Folgen des Klimawandels anzupassen und die einheimische Bevölkerung zu schützen. Es braucht Konzepte für eine grüne Stadt, die sich nicht in Grünstreifen auf einzelnen Straßen erschöpfen.
Was es nicht braucht
Was es nicht braucht: Eine Baumschutzsatzung, die die Schutzwürdigkeit von Bäumen herabsetzt und dafür sorgt, dass mehr Bäume gefällt werden können und Nachpflanzungen nicht unbedingt notwendig sind. Es braucht keinen Ballsaal, für den die Stadt mit 138.000 € Mietpreis für 46 Veranstaltungen à 3000 € pro Jahr und einem zusätzlichen Finanzierungsbedarf von 120.000 € jährlich aufkommen muss. Es braucht keine Mittelverschwendung der Stadt für sich wiederholende Stadtratssitzungen, in denen FW und AfD mit ihrer Mehrheit immer wieder rechtswidrig und Ideologie gesteuert Fördermittel für einen Verein streichen, der stark nachgefragte Projekte für Kinder und Jugendliche anbietet (Aktion Zivilcourage). In diesem Jahr war die Fördermittelvergabe für die AZ von Februar bis Juni in jedem Stadtrat (einschließlich Sondersitzung) Thema. Und es wird wohl Thema bleiben. Und täglich grüßt das Murmeltier!
Physikalische und biologische Tatsachen
In Deutschland sind wir inzwischen bei einer Erderwärmung von 2,3 Grad angelangt. „Weil Deutschland ein Landgebiet ist, ist das auch nicht weiter überraschend, denn viele Landgebiete erwärmen sich etwa doppelt so rasch wie der globale Mittelwert, der zu 70 Prozent aus Meerestemperaturen gebildet wird … Bei 3 Grad globaler Erwärmung sind bei uns also rund 6 Grad Erderwärmung zu erwarten.“[1]
Bei uns Menschen funktionieren viele lebenswichtige Vorgänge im Körper nur bei einer Kerntemperatur von 37 Grad optimal. Weicht die Kerntemperatur zu stark nach oben oder unten ab, bestehen lebensbedrohliche Risiken.
Menschen können ihre Temperatur nicht an die Außenwelt anpassen, wie z. B. Reptilien. Hochbetagte Menschen in Pflegeheimen, chronisch Kranke, Menschen mit Behinderungen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe können nur schlecht mit den hohen Temperaturen umgehen. Viele merken den Flüssigkeitsmangel nicht mehr. Bei einer anhaltenden Temperatur von 35 Grad und darüber wird es gefährlich.
Während der Hitzewelle im August 2003 in Paris, als das Thermometer auf 39,5 Grad kletterte, gab es ca. 15000 Hitzetote. Als viele Ärzt*innen und Angehörige im Urlaub waren, starben hochbetagte Menschen in ihren Wohnungen, in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Kapellen, Zelte und die Kühlkammern des Pariser Großmarktes wurden für die Aufnahme der vielen Toten umfunktioniert.
Seitdem hat die Regierung gehandelt. Die Altersheime im Land wurden verpflichtet, zumindest ihre Gemeinschafträume zu kühlen. Es gibt inzwischen ein Register älterer, alleinstehender Menschen, die bei Hitze telefonisch kontaktiert werden. Die Parks in Paris dürfen bei extremer Hitze bis Mitternacht geöffnet bleiben. Und öffentliche Gebäude mit kühlen Räumen werden der Bevölkerung zugänglich gemacht. Hitzeperioden fordern in Frankreich seit 2003 deutlich weniger Opfer.
Und bei uns?
Ich treffe eine Bekannte, die als Pflegerin in einem Heim arbeitet. Ich bin neugierig: „Und wie geht es den Menschen in Ihrem Heim? Gibt es Ventilatoren? Haben Sie eine Klimaanlage?“ „Ach, wo denken Sie hin. Das würde doch Geld kosten. Nichts davon haben wir.“ Ich bin entsetzt und stelle mir vor, wie es sein muss, nicht nur krank und pflegebedürftig zu sein, sondern auch noch schweißnass im Bett zu liegen.
Das geschieht also hinter den Fassaden der Heime, von denen man annimmt, die Angehörigen gut untergebracht zu haben.
Wir wissen inzwischen, dass die Hitze, die wir heute erleben, in wenigen Jahren das neue Normal sein wird. Weil der Terminus „heißer Tag“ (Tage, an denen das Thermometer über 30 °C klettert) nicht mehr ausreicht, haben Meteorologen den Begriff „Wüstentag“ eingeführt. Das sind solche Tage, an denen es heißer als 35 °C wird. Und Tropennächte sind solche, an denen die Temperatur nicht unter 20°C fällt. Und die Wahrscheinlichkeit für immer mehr von solchen Tagen und Nächten steigt mit jeder Verschiebung der globalen Mittelwerte. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit für Dürren, Hitzeunwetter, Überschwemmungen etc. dramatisch an.
„Gab es in den 1950iger Jahren im Schnitt 3 „heiße Tage“ pro Jahr, sind es inzwischen 12, im Rekordjahr 2018 waren es sogar 20.“ Wie viele Wüstentage wird es 2026 geben? Die Wüstentage und Tropennächte im Juni haben in Deutschland schon mehr als 5000 Hitzetote gekostet. Das scheint niemanden zu interessieren. Und es ist schon jetzt die Tragödie dieses Sommers.
Bauvorschriften in Deutschland kennen weder Tropennächte noch Wüstentage. Die Vorgaben zur Dämmung und Fußbodenisolation kennen keinen Klimawandel.
Was jetzt zählt
- Die Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) müssen endlich vollständig für das eingesetzt werden, wofür sie gedacht sind – für Klimaschutz. Keine Zweckentfremdung, keine Haushaltslöcher stopfen.
- Ein Teil des Sondervermögens des Bundes muss gezielt in Hitzeschutz fließen – in Sonnensegel, mobile Klimaanlagen und Hitzeschutzräume für Pflegeheime, Kitas und Krankenhäuser. Diese Einrichtungen können sich die nötigen Umbauten nicht allein leisten. (Suse Sziborra-Seidlitz
Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt)
Wir wissen in Pirna viel über das City Outlet, über den Neubau des Hotels „Zum Schwarzen Adler“ und seinen Ballsaal. Was wissen wir über die Situation an Wüstentagen in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Schulen? Es kann nicht sein, dass sich das Ganze in individuellen Empfehlungen zum Trinken und Lüften erschöpft.
Ich würde mir wünschen, dass der Fokus verschoben wird. Dass neben der Frage „Wie locken wir Menschen in die Stadt, die hier Geld ausgeben?“ auch die Fragen Raum bekommen „Wie schützen wir unsere vulnerablen Gruppen? Wie helfen wir denen, die wirklich Hilfe brauchen?“ Dass neben den Denkmalschutz der Schutz von Menschen tritt und Vorrang hat.
Fragen an den Rat und die Stadtverwaltung
- Welche Kenntnisse und Fallzahlen liegen der Stadtverwaltung zu gesundheitlichen Notfällen infolge der Hitzewelle im Juni aus den Pflegeheimen und dem Klinikum Pirna vor?
- Was ist der Stadtverwaltung über Hitzeschutzkonzepte in den o. g. Einrichtungen bekannt?
- Welche kommunalen Mittel stehen für langfristige Maßnahmen bereit, wie z. B. den Einbau von Klimaanlagen, Außenverschattung durch Bäume und Fassadenbegrünung, außenliegender Sonnenschutz wie Rollläden, Markisen Sonnensegel etc., Wärmedämmung und Dachbegrünung?
- Welche weiteren, ggf. kurzfristigen Klimaanpassungsmaßnahmen plant die Stadtverwaltung angesichts der Hitzewelle im Juni, insbesondere zum Schutz vulnerabler Gruppen zur Kühlung öffentlicher Räume, Schulen sowie Kitas, Pflegeheimen und dem Krankenhaus sowie weiterer belasteter Bereiche?
- Gibt es in Pirna ein regelmäßiges Feedback von Multiplikatoren und Risikogruppen zur Effektivität ergriffener Maßnahmen bei anhaltender Hitze?
- Welche Fördermittel von EU, Bund und Land wurden beantragt, bewilligt oder abgerufen und welche weiteren Anträge sind geplant?
Wer jetzt noch Bäume fällt oder die Schutzwürdigkeit von Bäumen weiter herabsetzt, hat nichts verstanden und nimmt eine Verschlechterung des städtischen Klimas und der Gesundheit der Menschen billigend in Kauf.
Dr. Bärbel Falke
[1] Stefan Rahmstorf: Klima und Wetter bei 3 Grad mehr. In: 3 GRAD MEHR. Ein Blick in die drohende Heißzeit und wie uns die Natur helfen kann, sie zu verhindern. Oekom Verlag München 2022, 5. Auflage 2025, S.14
