Aus der Nachbarschaft gerissen! Jetzt aus der Erinnerung getilgt?

Anlässlich eines Besuchs in Hamburg spaziere ich rund um den Wandsbeker Markt. Vierspurige Straßen, Häuserschluchten, Banken, Geschäfte und Restaurants. Sie sind sehr häufig in den Händen von migrantischen Mitbürger*innen. Morgens um 9 Uhr pulst das Leben. Menschen sowohl mit heller als auch sehr oft mit dunkler Hautfarbe. Plötzlich, vor dem Haus Nr. 57 auf der Wandsbeker Marktstraße, stutze ich: drei vergoldete Stolpersteine sind in die Platten des Bürgersteigs eingelassen. Das Geschäft in dem Haus ist ein türkischer Lebensmittelmarkt mit Ständern voller Obst und Gemüse vor den großen Ladenfenstern. In der Mitte davor, auf dem breiten Bürgersteig, befindet sich ein komfortabler Döner-Imbiss, jetzt noch verschlossen. Menschen wuseln um mich herum, während ich beginne, die Inschriften zu studieren. Dabei brauche ich mich selbst als 77-Jähriger nicht zu bücken, wenngleich ich andächtig meinen Kopf senke. Hier wohnten Lina Kümmermann, Ilse Gruber (geb. Kümmermann) und Mary Pünjer (geb. Kümmermann). Die Geburtsdaten verraten, dass es sich um zwei Generationen aus der Familie Kümmermann gehandelt hat. Ein ca. 50-jähriger Mann, Migrationshintergrund, spricht mich an: „Was ist das? Was steht da?“. Ich beginne zu erklären: 3 Frauen, die 1941 oder 1942, während des 2. Weltkriegs, von Deutschen, von Nazis ermordet worden sind. Die Augenbrauen des Gegenübers gehen hoch. Sie haben hier gewohnt und sind 38 bzw. 43 und 70 Jahr alt geworden, als sie getötet wurden. Er fragt nach: „Wo war das?“ Ich erzähle von den Konzentrationslagern (KZ) Auschwitz, Stutthof und Ravensbrück. Er fragt nochmals: „Warum?“. Ich muss schlucken. Die Warum-Frage kommt bei mir ein wenig wie eine Anklage an. Wahrscheinlich weil sie Jüdinnen waren. Weil sie anders waren. Weil sie möglicherweise zu einer Kaufmanns-Familie gehörten. Und weil Menschen mit diesen Steinen an ihr Schicksal erinnern wollen. Damit diese ungeheuren Verbrechen auf dieser Welt „nie wieder“ passieren. Der herrliche Sonnenschein lädt uns zu diesem freundlichen Gespräch ein.

Später recherchiere ich im Internet. Die Stadt Hamburg hat die 7.539 (Stand Sept. 2026) Stolpersteine in einem Archiv (zuletzt geprüft 26.09.2026) erfasst. Zur Familie Kümmermann, einer vor 1933 sehr angesehenen, jüdischen Kaufmannsfamilie in Hamburg mit dem Schwerpunkt Damenkonfektion, gibt es ausführliche Biographien. Einzelne Dokumente kann man sich sogar im „Projekt Stolpertonsteine Hamburg“ vorlesen lassen. In der langen Liste von Stolpersteinen in Wandsbek sehe ich, dass ich beim Gang nach links vor Haus-Nr. 19 bzw. nach rechts vor Haus-Nr. 79 weitere Plaketten gefunden hätte. Natürlich ist die Straße dennoch nicht vergoldet.

Eine von Stolpersteinen „vergoldete Straße“ in Heidenau?

Rene Kirsten, Wortführer von „Bündnis Oberelbe für mehr Demokratie“ (BOD), hat nichts verstanden von der Erinnerungskultur. Über die Schuld-Problematik hat er offensichtlich noch nie nachgedacht. „Nie wieder“ stand / steht nicht im Zusammenhang mit einer ständig gebückten Körperhaltung. Weder in seiner Generation noch in einer anderen. Das hanebüchene Zeug, was zusätzlich laut Bericht aus der SZ („Stolperstein-Verbot in Heidenau: Wie die Diskussion im Stadtrat laut wurde“, 25.09.2026, zuletzt geprüft 26.09.26) während der Ratssitzung gesprochen wurde, müsste jede Bürgerin / jeden Bürger in Heidenau und darüber hinaus erschüttern. Tagesordnungspunkt war der gemeinsame Antrag von 9 Ratsmitgliedern aus der Bürgerinitiative BOD, der AfD und der CDU, Stolpersteine zukünftig aus dem Straßenbild zu verbannen. Platter, entlarvender  und rückwärts gewandter konnten die Pro-Argumente nicht ausfallen. Jemand, der auf den Bürgersteig oder gar auf einen Stolperstein spuckt, muss mit Zivilcourage zur Rechenschaft gezogen werden. Die Verlegung eines Steins hilft nicht gegen fehlende Kinderstube. Möglichst viele Menschen mit mehr Anstand müssen die Chance haben, ins Grübeln, ins Erinnern und in die Vorsatz-Bildung kommen zu können. Das Gedicht im Titelbild zum Artikel erklärt das „Stolpern“. Stolpern soll unser Gehirn. Denn es kann nur lernen, wenn etwas neu, überraschend, gut visualisiert ist. Damit es sich uns einprägt. Da die Stolpersteine „ebenerdig eingepflanzt sind“, kann man nicht straucheln. Golden versteinert ist die Erinnerung an einen Menschen, dessen Leichnam von den Mördern im Irgendwo abgelegt wurde. Man kann die Erinnerung nicht mit Füßen treten – vielleicht verzögert man beim nächsten Mal seinen Schritt. Und liest dann, was vor einem liegt. Und wenn man dann in der Schule ausreichend gebildet wurde, wird das Gelesene dem Holocaust, dem größten Menschheitsverbrechen zugeordnet. Wenn man Stolpersteine im öffentlichen Verkehrsraum verbieten will, ist das nicht nur „Antisemitismus“. Denn es waren längst nicht nur deutsche Menschen jüdischen Glaubens, die des Nachts aus ihrer Wohnung gezerrt und weit entfernt von ihrer Familie und ihrem Zuhause ermordet wurden. Davon zeugen u. a. die in Pirna verlegten Stolpersteine. Es waren Nachbarn, die aus der Gemeinschaft gerissen wurden, weil sie anders waren. Weil sie anders lebten. Deswegen ist es gut, dort an sie erinnert zu werden, wo sie zuletzt frei und unverletzt gewohnt haben. Was kann eine Bürgermeisterin an diesem unseligen Antrag „nachvollziehen“? Für die „Lautstärke“ ist jedenfalls nur die AfD mit ihrem provozierenden Wiederholungsantrag verantwortlich. Wieso beeinflusst die Stimmungsmache einzelner eine Bürgermeisterin und einen Rat, die / der als staatliche Institution dem Grundgesetz und seinem Mütter- / Väter-Geist verpflichtet ist? Für die völlig unpassenden Stimmen sind ausschließlich die Befürworter des Antrags verantwortlich. Hier hätte sie Einhalt gebieten müssen, um gemäß des Grundgesetzes zu handeln.

Die CDU ist nicht nur „gespalten“, sie verzwergt sich.

Was in der CDU Heidenau, im CDU-Landesverband Sachsen und in der Bundes-CDU passiert, ist ein Skandal. „Brandmauer“ und „Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber AfD und Linke“, alles nur Augenwischerei? CDU-Fraktionsmitgleider formulieren, offensichtlich ermächtigt, im Hinterzimmer gemeinsam mit AfD-Mitgliedern einen Verbotsantrag gegen Stolpersteine im Straßenbild. Und verhelfen ihm dann noch zusammen mit AfD- und BOD-Ratsmitgliedern, natürlich in geheimer Abstimmung, zu einer Mehrheit. In der vorbereitenden CDU-Fraktionssitzung wurde angeblich ausführlich beraten (war der Unvereinbarkeitsbeschluss bei dieser äußerst sensiblen Problematik Thema?) und jedem Mitglied die Freiheit der „Gewissensentscheidung“ gegeben. Zur „Krönung des Skandals“ kommt es durch die Mitteilung des CDU-Ministerpräsidenten Kretschmer, dass es „das gute und freie Recht“ eines Rats / einer CDU-Fraktion in einer Kommune sei, zusammen mit AfD-Leuten einen Verbotsantrag für Stolpersteine vorzubereiten und positiv abzustimmen („Stadtrat verbietet neue Stolpersteine im sächsischen Heidenau – CDU und AfD stimmten wohl gemeinsam“, SPIEGEL, 25.09.2026, zuletzt geprüft 26.09.2026) . Ist nur ein Mitarbeiter oder er selbst verantwortlich für diese argumentative Entgleisung? Der Beschluss verlegt das Gedenken an die Peripherie der Stadt, relativiert im zu schaffenden Gedenkareal das Verbrechen des Holocausts und setzt mit Sicherheit Zeichen für das Land. Die AfD wird nicht ruhen und an anderen Stellen mit Verweis auf Heidenau provozieren. Die CDU wird unter Zugzwang stehen und muss wiederum um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen. Nach „Vogelschiss“ und „Mahnmal der Schande“ schließt sich im Rat von Heidenau jedenfalls die CDU dem völkischen Sound der AfD und anderer Rechtsextremisten an. Mehr noch, sie betreibt wiederum die Grenzverletzung, die Erweiterung des Diskursraums aktiv. Es ist zum Fremdschämen.

Wann wacht die CDU endlich auf?

Und wann hört sie endlich auf, der AfD durch ständiges Vorpreschen und / oder Nachplappern das Stimmungsfeld in der Bevölkerung zu bereiten? Und wann beendet die Bundes-CDU endlich das ungezügelte Bashing von Bündnis 90 / Die Grünen und Die Linke, zwei demokratisch agierende Parteien, die sie zu ihren Feinden erklärt (hat) und entsprechend bekämpft? Die Landesregierungen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind Beispiele für gelungene Zusammenarbeit zwischen CDU und Grünen.

Hat die CDU wirklich noch nicht begriffen, was mit ihr passiert? 2025 hat sich die AfD-Bundestagsfraktion auf eine Strategie zur Vernichtung der CDU verständigt. Die AfD hat sich zum Ziel gesetzt, die von der CDU aufgebaute, aber nie mit Haltung unterstützte Brandmauer zu beseitigen. Sehr konzentriert arbeitet sie daran, die CDU im politischen Spektrum zu isolieren, so dass sie als kleiner Partner letztlich nur noch mit der AfD koalitionsfähig ist. Und sich, wie in Meck-Pom, pulverisiert. Medial sehr geschickt, polarisiert die AfD Themen über die Maßen, so dass keine Lösungen mehr im demokratischen Diskurs und Kompromiss gefunden werden können. Und die CDU geht ihr bisher jedes Mal freiwillig auf den Leim, übertönt sie zum Teil sogar. In Sachsen tut sich als Brandbeschleuniger immer wieder Innenminister Schuster hervor. Obwohl die Ergebnisse der Landtagswahlen für die CDU vor Wochenfrist katastrophal waren (s. Mecklenburg-Vorpommern mit der Zerstörung der CDU-Fraktion). Obwohl alle Politikwissenschaftler seit langem davor warnen, die Rechtsextremen in ihren Meinungen und Bestrebungen zu kopieren. Weil es bei jedem untersuchten Beispiel immer nur dazu kam, dass die Extreme dazu gewannen und obsiegten. Herr Schuster begeistert jetzt die AfD mit seinem Vorschlag, das individuelle Asylrecht, einst aus unserer Geschichte begründet, abzuschaffen. Er glaubt nicht daran, dass bestimmte Menschen lieber dem Original die Lösung zutrauen und es dann auch wählen bzw. ihm zustimmen. Das passt gut zu dem Geist von Heidenau, den die CDU-Fraktion mit kreiert hat.

Die AfD-Fraktion hat die Strategie-Elemente in einer PowerPoint (zuletzt überprüft 26.09.26) veröffentlicht. Diese zentrale Folie stammt original aus der Veröffentlichung. Das Ziel ist die bürgerlich-konservative Mitte der Gesellschaft, allein für die AfD.

 

Dies könnte ein Beleg sein, dass es ihr gelingt, die gesellschaftliche Situation aufzumischen. Das muss für uns als Zivilgesellschaft eine Warnung sein. Alle Parteien, vor allem CDU, SPD, Die Linke und Bündnis 90 / Die Grünen, müssen ihrem Auftrag gemäß im demokratischen System zusammenarbeiten und z. B. durch mehr Bildungs-Angebote junge Menschen für unsere freiheitlichen Wertvorstellungen zurückgewinnen. U. a. Stolpersteine können genutzt werden (z. B. bei einem Unterrichtsgang in der Stadt), um in den Diskurs zu kommen. Sie dürfen deshalb als Stützen der Erinnerung auf keinen Fall aus dem Stadtbild verschwinden, auch nicht in Heidenau.

 

 

Dieter Wiebusch