Historische Busgarage – ein Denk-Mal für Pirna

 

Sachstand

Die Scheune auf dem Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein ist 1878 zum ersten Mal urkundlich belegt. Die Anstalt war Bestandteil eines landwirtschaftlichen Betriebs und hatte ein humanistisches Therapiekonzept zur Grundlage. Nämlich die Patient*innen bei anregender, individuell ausgerichteter Arbeit wertzuschätzen. Das Gebäude hat seinen baulichen Charakter als Scheune über die Jahrzehnte bis heute erhalten. Obwohl sie unter Denkmalschutz steht, ist die Bausubstanz allerdings inzwischen sehr verfallen.

 

Nach vielen Jahren ohne Entscheidung hat die Stadt Pirna das Grundstück mit der Scheune an einen Investor verkauft. Dieser muss den bestehenden Denkmalschutz beachten. Laut Vorplanung sollen beidseits eines der noch erhaltenen Tore und unter Einschluss der aufragenden Seitengiebel zwei Staffelgeschoss-Häuser für Wohnzwecke an dieser Stelle errichtet werden. Dagegen dringt bundesweiter Protest nach Pirna, weil die bauliche Umwidmung eines Teils der Anstalt als Akt der Geschichtsvergessenheit und -revision beklagt wird. Die „Heil-Anstalt“ wurde 1940 / 41 während der Nazi-Zeit zu einer von mehreren Vernichtungsstätten menschlichen Lebens im Rahmen des „Aktion T4“ genannten Programms.

Das Kuratorium Altstadt Pirna hat den Protest vor Ort nochmals aufgenommen. In ihrem Schreiben vom 11. Januar 2024 an die Fraktionen im Pirnaer Stadtrat bezeichnen die Vorsitzenden des Vereins die Aufgabe der Scheune „in der jetzigen, sensiblen Zeit, in der es wichtig wäre, aus der Geschichte zu lernen und solche Zeitdokumente zu bewahren“, als Zeugnis von „Respekt- und Instinktlosigkeit“.

Antwort von Prof. Dr. Th. Gischke, Vorstandsmitglied von ‚FW – Wir für Pirna‘

Herr Gischke hat am 31. Januar 2024 ein Schreiben an das Kuratorium Altstadt e. V. Pirna in seinem Blog veröffentlicht und als Antwort des Partei-Vereins ‚Freie Wähler – Wir für Pirna’ gekennzeichnet.

Er bekräftigt, „dass auch uns die Bewahrung der Erinnerung an eine Zeit, die auch heute noch im Wesentlichen durch ihre Verbrechen gegen die Menschen bekannt ist, am Herzen liegt.“

„Wir glauben jedoch, dass es …. nicht einfach um den schlichten Erhalt von Gebäudesubstanz …, sondern auch um deren ….  sinnvolle Nutzung für jetzige und zukünftige Generationen [gehen kann].“

„Allein aus der Tatsache, dass das Gebäude einige Jahre als Garage für Fahrzeuge diente, die dazu bestimmt waren, Menschen zu ihrem Sterbeort zu transportieren, abzuleiten, dass das Gebäude fast 80 Jahre später nicht zu Wohnzwecken genutzt werden kann, geht offensichtlich zu weit.“

„Genauso wie es legitim ist, aus Kasernen Schulen werden zu lassen, aus Krankenstationen Wohn- und Bürogebäude entstehen zu lassen, …..“

„…. Wer will, kann sich ausreichend [in der Gedenkstätte Sonnenschein] informieren, wird über Ursachen und Zusammenhänge informiert, kann sich seine Meinung bilden und das Unrecht erkennen. Ob es dazu einer Ruine bedarf, die einfach im Schlosspark steht, darf bezweifelt werden.“

Informationen, die auch Herr Gischke haben könnte

Vermutlich am 7. Dezember 1940 wurde Frau Maria St., gemeldet in Ober-Kudowa (Kreis Glatz, [im heutigen Polen an der Glatzer Neiße gelegen]), wahrscheinlich eine psychisch oder körperlich gehandicapte Frau, mit einem der drei „Grauen Busse“ zusammen mit 34 weiteren Insassen auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die Anstalt Pirna-Sonnenstein verlegt. Der Zwangstransport erfolgte vorbei an den Wachen durch eins der drei Tore in die Busgarage. Dort wurden die Menschen aus dem Bus geholt und ins Gebäude C16 geführt. Im Erdgeschoss bestimmte Dr. Engel oder ein anderer für M. St. fremder Arzt den Einlieferungsgrund: „Bauchspeicheldrüsenentzündung mit hinzugetretener Bauchfellentzündung“ – so lautete die Diagnose im Schreiben mit der Todesnachricht vom 07. Dezember 1940 an die Schwester. M. St. wurde anschließend in den Warteraum im Keller geführt, wo sie sich, zusammen mit 20 bis 30 Frauen und Männern, zur Säuberung entkleiden sollte. Danach trat sie in den Nachbarraum ein, den angeblichen Duschraum, der aber tatsächlich eine hermetisch abgeschlossene Gaskammer war. Aus Flaschen drang Kohlenmonoxid in den Raum und führte zum minutenlangen Todeskampf von M. St.. Ein Mann trug die Leiche in den angrenzenden Raum. Möglicherweise besaß M. St. Goldkronen; ein solcher Nachlass wird im Schreiben als Pfand für den Kostenträger deklariert. Es konnte passieren, dass der Arzt auch die Entnahme des Gehirns zu Forschungszwecken anordnete – dann geschah dies hier. Ein weiterer Mann, einer von mehr als 100 Beschäftigten in der Tötungsanstalt, legte den Leichnam auf eine Metalltrage, die vom Verbrenner anschließend in den Kaminofen im folgenden Raum, dem Krematorium, geschoben wurde. Wenn die Schwester eine Urne mit den Überresten hätte haben wollen, hätte sie sich innerhalb von 2 Wochen melden müssen. Ansonsten zeigen Grabungen, dass die Asche zumeist den Hang zum Elbtal hinabgeschüttet wurde. Das Schreiben auf dem Briefbogen der „Landes-Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein“ ist unterschrieben mit „Heil Hitler! i. V. Dr. Engel“.

So wie M. St. ist es mindestens 13.720 Menschen in der Zeit von Ende Juni 1940 bis August 1941 ergangen. Ihnen folgten im Jahr danach noch weitere 1.000 Menschen, Zwangsarbeiter, Deportierte aus anderen Ländern, Insassen von Konzentrationslagern. Das geschah auf dem Sonnenstein, im Sichtbereich Pirnas. Ihr „Sterbeort“ war die Gaskammer in der von den Nazis umgewidmeten „Heil- und Pflegeanstalt“, nicht eine bunte Wiese mit weitem Blick auf den Himmel. Die Täter legten Hand an an einem grausam-hässlichen Ort, wo die Opfer unter Geheimhaltung niederträchtig industriemäßig vernichtet wurden. Das Transportmanagement für die nichts ahnenden Menschen in den „Grauen Bussen“ – jeder kannte sie – hat durch die Tore der Pirnaer Busgarage mehr als ein Jahr lang reibungslos geklappt. Erst immer stärker werdende Proteste aus der Bevölkerung (allen voran Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster) führten 1942 zum Abbruch der „Aktion T4“ in den zentralen Vernichtungsstätten und zur Verwischung aller Spuren durch die Nazis auf dem Sonnenstein.

Hintergründe – auch die sollten Herrn Gischke bekannt sein

Eugenik

Die Verluste an Soldaten durch den Burenkrieg und die Schlachten des 1. Weltkriegs, Verluste an ehemals gesunden Männern, sowie die wirtschaftliche Not der Bevölkerungen insgesamt (auf dem Weg in die Weltwirtschaftskrise) führten bei einigen Humangenetiker*innen in Europa ab 1910 zu Diskussionen. Es ging um die Ausrichtung der Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik der Staaten, damit sich positiv beurteilte Gene erfolgreicher gegenüber als schwach eingeschätzten Erbanlagen im Genpool der Bevölkerungen durchsetzen könnten (die sogenannte Lehre von der „Eugenik“,  auch „Zuchtwahl“ genannt). Aufbauend auf einer Fehlinterpretation der Darwinschen „Selektionstheorie“ strickten die Forscher*innen an Regeln, die zur „Verbesserung der menschlichen Rasse“ beitragen sollten. Je fordernder Wissenschaft und Politik auftraten, desto stärker mussten auch die Bevölkerungen durch Propaganda in dieses Lügengebäude eingebunden werden.

Euthanasie

Die Nazis griffen ab 1933 die Konsequenz aus diesen Gedankenspielen sofort und gründlich auf. „Wertvolle“ sollten vermehrt in der Lage sein, durch ihre Weitergabe der „gesunden Gene“ zur Kräftigung der eigenen Rasse beizutragen, „Minderwertige“ und den „Volkskörper Belastende“ mussten von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden. Schon am 14. Juli 1933 erließen sie das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, in dessen Folge wahrscheinlich mehr als 400.000 Menschen im Deutschen Reich bis 1945 zwangsweise sterilisiert wurden. Am 26. Juni 1935 verschärften sie die Situation mit Hilfe eines Abtreibungsparagrafen, durch den es zu Tausenden von Schwangerschaftsabbrüchen in vermeintlich „erbkranken“ Familien kam. Im Oktober 1939, rückwirkend ab 01.09.1939, erließ Hitler die Anordnung der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (Euthanasie) und setzte die Vorbereitung für die „Aktion T4“, auch auf dem Sonnenstein in Pirna, in Gang.

Ein Kommentar und mehrere Vorschläge

Mich hat die Wortwahl in der Stellungnahme von Herrn Prof. Dr. Gischke für ‚FW – Wir für Pirna’ zunächst erstaunt, dann entsetzt und zu diesem Artikel herausgefordert. Ich hatte erwartet, dass eine juristisch argumentierende Ablehnung mit Verweis auf bestehende Verträge und wirtschaftliche Konsequenzen von seiner Seite gekommen wäre. Oder ein Vorwurf, dass man in den vergangenen Jahren vielleicht vorhandene Chancen für den Erhalt der Scheune als Denk-Mal und zur Gedenkstätte gehörenden Erinnerungsort hat verstreichen lassen.

Nichts dergleichen! Stattdessen schreibt Herr Gischke über 33 bis 45 als eine Zeit, die „im Wesentlichen“ von Verbrechen gekennzeichnet ist. Wodurch denn noch? Autobahnen!? „Verbrechen gegen die Menschen“? Welche Art von Verbrechen gegen welche betroffenen Menschen? Die Dokumente, auch zur Busgarage, in der Gedenkstätte Sonnenstein belegen, dass eine von irrem Geist ausgelöste, gruppenbezogene Menschenverachtung und Ausgrenzung das Land erfasst hatte, die Millionen von Toten in Europa und anderen Kontinenten der Welt nach sich zog. Angesichts der Umstände und Geschehnisse an diesem Ort darf m. E. niemand über „schlichten Erhalt“ vs. „sinnvolle Nutzung“ fabulieren. Und dann noch schreiben:„Fahrzeuge haben Menschen vor mehr (!!) als 80 Jahren zu ihrem Sterbeort transportiert“. Im Ernst „zum Sterbeort transportiert“, ist das von der Wortwahl angemessen für brutalste Morde? Klingt nach Freiwilligkeit der Opfer. Das waren aber z. T. junge Menschen, die über Nacht aus ihren Familien oder ihrer Betreuung gerissen wurden und auf keinen Fall in diesem Augenblick so einsam sterben wollten. Der Vergleich von Kasernen und Krankenhäusern mit der Busgarage, der Pforte zur Tötungsmaschinerie, ist in diesem Zusammenhang genauso indiskutabel. Nicht „wer will“, sondern wir müssen im Angesicht dieser Ruine unsere Haltung „in der jetzigen, sensiblen Zeit“, wie das Kuratorium Altstadt schreibt, reflektieren.

Es begann und beginnt immer mit Worten, rufe ich Herrn Prof. Dr. Gischke zu. Die von ihm in seiner Antwort an das Kuratorium Altstadt benutzten Worte / Sätze verharmlosen das unmenschliche Geschehen, das sich in der Busgarage und der ‚Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein’ zwischen 1940 und 1942 ereignet hat. Sie relativieren Geschichte. Und im Kontext von Vermächtnis und Anstoß für die jungen Generationen beachten sie nicht die kluge Inschrift des Gedenksteins vor dem ehemaligen Haus C16 auf dem Sonnenstein:

„Gegenwart ist Vergangenheit“.

Ich füge immer gültige Appelle für unsere Zeit, in der gruppenbezogene Menschenverachtung wieder in Diskussionen und Publikationen auftaucht, hinzu:

Wehret den Anfängen!

‚Nie wieder‘ ist JETZT !

Der Unterschied zwischen 1933 und 2024? DU!

Für den Stadtverband von Bündnis 90 / Die Grünen Pirna möchte ich eine Reihe von Vorschlägen machen, um dem Denk-Mal Sonnenstein inklusive Busgarage seine Würde und Anstößigkeit zu erhalten.

  • Man kann alles stoppen, wenn man das Bisherige für falsch hält. Also machen wir es gemeinsam und minimieren den Schaden.
  • In dieselbe Richtung zielt der Antrag der Ratsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen / SPD (Januar 2024) an den Rat der Stadt; er lautet: Die Stadt Pirna (Rat und Verwaltung) setzt sich dafür ein, alle an der künftigen Gestaltung des Sonnensteins Beteiligen an einem Runden Tisch zu versammeln, um nach einer verträglichen und würdigen Lösung für die historischen Bauwerke und das Terrain der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt zu suchen. Dazu gehören außer der Stadtverwaltung der Eigentümer bzw. Investor bzw. die Immobilienfirma, die Gedenkstätte, das Landesamt für Denkmalpflege, involvierte Historiker*innen, das Kuratorium Altstadt Pirna e. V. und interessierte Stadträt*innen aller Fraktionen. Der Antragsgegenstand schließt sowohl die Busgarage als auch die anstehende Renovierung der Anstaltskirche ein.
  • Eine wiederaufgebaute Busgarage mit riesigen, hellen Fenstern in den ehemaligen Toren ist ein angemessenerer Ort für die vielen Dokumente der Gedenkstätte als der jetzige Raum im Dachboden von C16. In der Garage, vielleicht in einer neukonstruierten Zwischenebene, ist sicher auch ein Seminarraum für Schüler-Gruppen integrierbar, der für internationale Begegnungen genutzt werden könnte.
  • Falls dies alles nicht mehr zu machen ist, muss der Investor veranlasst werden, seine Wohngebäude in angemessener Weise um Hinweise auf die Geschichte dieses Ortes aufzuwerten. Ein Stolperstein wäre etwas Kleines (s. Bsp.) und leicht zu Realisierendes, ein würdevolles Denk-Mal (z. B. ein „Grauer Bus“), wie es an süddeutschen Vernichtungsstätten errichtet wurde, eine Herausforderung.

 

Autor: Dieter Wiebusch

 

Hinweis für Frau oder Herrn PKM: Die Etikettierung meiner Person mit dem Namen „Simon Wiesenthal“ ehrt mich, weil er in seiner Zeit nach der Shoah vor dem Abbau von Demokratie und Menschenrechten gewarnt hat. Seinem Credo will ich gern folgen: „Aufklärung ist Abwehr“.